Archiv für Mai 2011

Atomstrom oder regional autarke Energieversorgung?

24 Mai 2011

Wie werden wir in Zukunft leben? Mit Atomstrom oder durch eine regional autarke Energieversorgung?
Diese Frage ging an Schüler der Klasse 11 aus der Odenwald–Region. 28 von Ihnen haben sich an der Ausschreibung des Wettbewerbs “Jugend und Zukunft” beteiligt. Zur Preisverleihung kam auch eine hochrangige Expertenrunde zusammen, die ich im Kloster Höchst moderiert habe.

Hier mein Bericht über die Expertenrunde:

Energie-Gipfel im Kloster Höchst

Preisverleihung „Jugend und Zukunft“ mit hochkarätiger Expertenrunde

Diskutierten in Höchst über Strom und Vulkan-Energie - Prof. Rolf Katzenbach Direktor des Energie-Centers der TU Darmstadt, Dirk Jost Geschäftsführer von E.ON und Moderator Dominik Klenk

Diskutierten in Höchst über Strom und Vulkan-Energie - Prof. Rolf Katzenbach Direktor des Energie-Centers der TU Darmstadt, Dirk Jost Geschäftsführer von E.ON und Moderator Dominik Klenk

Höchst i. Odw. / „Als Jugendlicher habe ich mich kaum für Energiefragen interessiert. Dass der Strom aus der Steckdose kommt, hat mir genügt.“ Das Bekenntnis zum unbedarften Stromverbraucher in Jugendjahren stammt von Dirk Jost Geschäftsführer der E.ON, dem größten Stromkonzern in Deutschland. Professionell und publikumsnah präsentierte der Rotary-Club Erbach-Michelstadt den Studientag „Jugend und Zukunft“ im Kloster Höchst. Die Expertenrunde des Nachmittagspodiums war der Höhepunkt des kleinen Energiegipfels mit rund 100 Schülern und Lehrern im Kloster Höchst. Unter der Fragestellung „Sinn und Unsinn eines regionalen Energiekonzeptes“ diskutierten Dirk Jost von E.ON, Albert Filbert, Vorstandsvorsitzender der HSE, Professor Rolf Katzenbach Direktor des Energy-Centers an der TU Darmstadt und als Vertreter der regionalen Politik der gelernte Umweltingenieur und Michelstädter Bürgermeister Stefan Kelbert miteinander. Moderiert wurde die Expertenrunde von Dr. Dominik Klenk (OJC) aus Reichelsheim.
Dirk Jost von E.ON machte deutlich, dass sich sein Unternehmen aufgrund des demographischen Wandels und der Aussicht eines damit verbundenen schwindenden Energiebedarfs in Deutschland auf die globalen Märkte konzentrieren werde. Durch den wachsenden Energiebedarfs in den sich entwickelnden Ländern, aufgrund einer dort wachsenden Bevölkerung liege das größte Wachstumspotenzial des Energie-Giganten E.ON. auf anderen Kontinenten. Demgegenüber betonte Albert Filbert von der HSE, die wachsende Bedeutung regionaler Energiekonzepte und den radikalen Schwenk der HSE zur „grünen Energie“. Schon seit 2008 habe die HSE keinen Atomstrom mehr im Programm. Als „Unterirdisch gut“ bezeichnete TU-Professor Katzenbach die Möglichkeit den künftigen Energiebedarf aus den Wärmeressourcen im Erdinneren zu decken. Hier brauche es dringend neue Innovationen und Investitionen. „Jede Region bräuchte ihren eigenen kleinen Vulkan, den sie verlässlich anzapfen kann“, so der Wissenschaftler. Die Entwicklung und Umsetzung einer solchen Innovation bräuchte allerdings Jahre intensiver Forschung in diesem Bereich, um entsprechend tief und verlässlich ins Erdinnere vordringen zu können. Dass eine gewaltige Ressource für ein regionales Energiekonzept zu allererst im Energie-Sparen liege, betonte Bürgermeister Kelbert. Auch sei die Bereitschaft bei den Bürgern nach Fukushima deutlich gestiegen, sich aktiv für eine Energiewende zu engagieren.
Inwieweit alternative Energiegewinnung für die Verbraucher teurer werden dürfe, blieb ein offener Streitpunkt. Einig waren sich die Diskutanten darüber, dass die Thematisierung eines regionalen Energiekonzeptes einen wichtigen Beitrag leiste, um dann auch wirklich neue Wege zu gehen. Gleichwohl sei es völlig utopisch mit einem solchen Konzept den regionalen Energiebedarf zu 100% decken zu können. Bislang liege die Quote von regional hergestellten Alternativenergien lediglich im einstelligen Prozentbereich. Mehr als ein Drittel des Bedarfs sei perspektivisch kaum durch ein alternatives Energiekonzept zu decken.

Die Expertenrunde, die sich abschließend auch Fragen aus dem Publikum stellte, bot den inhaltlichen Nachschlag zur Präsentation der Schüler von vier Odenwälder Gymnasien am Vormittag. Insgesamt 28 Schüler und Schülerinnen aus vier Oberstufen der Region hatten die Herausforderung der Ausschreibung des Preises „Jugend und Zukunft“ des Rotary-Clubs Erbach-Michelstadt angenommen. Seit Oktober haben Sie zusammen mit ihren Tutoren das Thema „Sinn und Unsinn eines regionalen Energiekonzeptes“ bearbeitet und in einer zusammenfassenden schriftlichen Stellungnahme präsentiert. Alle eingereichten Arbeiten der acht Gruppen wurden von der Jury als durchdacht und hinreichend beurteilt. Den ersten Preis, dotiert mit 2500.- Euro Preisgeld erhielten Daniel Glassel, Jan Ertl und Jan Hollerleben vom Gymnasium Michelstadt. Der zweite Preis ging ebenfalls an das Gymnasium Michelstadt mit Falk Kessler, Christoph Lang, Til Schröder und Tom Schünemann, die sich das Preisgeld von 1500.- Euro teilen dürfen. Beide Gruppen wurden von Tutor Jochen Löb begleitet. Der dritte Preis dotiert mit 1000.- Euro ging an Sarah Olbert, Laura Neubürger und Annika Lauer von der Ernst-Göbel-Schule Höchst. Den Sonderpreis für die beste Präsentation ihrer Ausarbeitungen erhielt die Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim. Jasmin Balz, Jan Dörr, Ali Köyüoglu, Yannik Lopinsky, Marita Napierala und Lyann Perera hatten den dramaturgisch besten Auftritt und sicherten sich das Preisgeld von 500.- Euro.

Zum neunten Mal hatte der Rotary-Club den Preis „Jugend und Zukunft“ in diesem Jahr ausgeschrieben. „Über die große Resonanz und die hohe Qualität der Arbeiten freuen wir uns ausgesprochen“, betonte der Präsident der Rotarier, Manfred Uhrig bei der Preisverleihung. „Es ist uns ein Anliegen, dass sich Rotary in der Region als Gesprächspartner, Vernetzer und Förderer im Bereich Kultur, Bildung und Gemeinwohl engagiert”, so Uhrig. Seit fast vier Jahrzehnten trifft sich der Rotary-Club Michelstadt-Erbach, um solche und andere Projekte und Förderungen in der Region umzusetzen.

Dr. Dominik Klenk

Die Vernunft, das Atom und der Glaube

13 Mai 2011

Über entfesselte Wissenschaft und das verdrängte Restrisiko

Interview mit Robert Spaemann
von Dominik Klenk

Herr Professor Spaemann, Sie sind seit Jahrzehnten eine kritische Stimme in der Debatte um die ethische Vertretbarkeit der Atomenergie. Sie halten Atomkraft für eine höchst ­problematische Variante der Energiegewinnung für die Menschheit – warum?
Robert Spaemann: Weil wir die Technologie nicht beherrschen. Es hat mit der Atomkraft ja militärisch begonnen: mit der Atombombe, da war gleich der gute Geist aus der Sache weg – und dann kam der Gedanke der friedlichen Nutzung. Man behauptete zwar, das Risiko sei gering, es hat jedoch nie jemand gewagt zu sagen, das Risiko gebe es nicht. Aber die eiserne Regel lautet: Was schief gehen kann, das geht auch einmal schief, man muss einfach warten, bis das Unwahrscheinliche Wirklichkeit wird. Die Atomtechnik ist von Ausmaßen, die nicht verantwortbar sind. Dieser kleine Planet ist uns zu treuen Händen übergeben; es kann kein größeres Verbrechen geben, als ein ganzes Gebiet unbewohnbar zu machen.

Wiegt der hervorragende Nutzen das nicht auf?
In keiner Weise.

Wer ist für die Situation, die jetzt in Japan eingetreten ist, verantwortlich? Wie weit muss man da ausholen?
Viele Dinge, die wir tun, sind mitursächlich für etwas, was schlimme Folgen hat. Aber das Schlimme ist nicht direkt durch unser Tun entstanden, sondern durch ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren, von denen einer unser Tun war. In diesem Sinne gibt es viele Verantwortliche: Die Kernphysiker, die Wirtschaftstreibenden, dann die Politiker. Die Frage ist: Wer trägt eigentlich die persönliche Verantwortung in dem Sinne, dass man sagen kann: Er ist schuld? Carl Friedrich von Weizsäcker erzählte mir, wie er zusammen mit den anderen gefangenen Atomphysikern in Amerika vom Werfen der beiden Atombomben über Japan erfahren hatte. Er sagte: Unsere erste Reaktion war, „Wow, es funktioniert also doch.“ Erst allmählich folgte die Erkenntnis: „Das ist schrecklich.“ Von der Schuld über die ersten, tiefen Gefühle der Befriedigung sind die Wissenschaftler nicht freizusprechen. Obwohl Weizsäcker vom sogenannten Restrisiko ­wusste, hatte er sich, als er in Österreich Bruno Kreisky beriet, für den Bau von Atomkraftwerken eingesetzt. Und zwar unter der Prämisse: Unter normalen Umständen könne nichts passieren, und Krieg und Terrorismus könne man nicht in Rechnung stellen. Ich erwiderte: Wieso, wir müssen bei so einem Gefahrenpoten­tial mit Jahrtausendfolgen doch gerade Extrem­situationen in Rechnung stellen.

Diese Faszination von „Wow, es funktioniert“ kennzeichnet den faustischen Menschen in seinem Wissens- und Machtstreben.
Setzt unsere Risikokultur die eigene Lebens­umwelt fahrlässig aufs Spiel?
Ja. Sie würden selbst zwar behaupten: Wir haben nicht mit diesem Extremfall gerechnet. Aber sie hätten sehr wohl damit rechnen müssen. Auch in Japan ist nichts passiert, das schlechthin unvorhersehbar war.

In Ihrem Essay „Nach uns die Kernschmelze“ (FAZ 2008) legen Sie dar, dass die Beweislast der Vertretbarkeit von Atomenergie bei jenen liege, die Atomkraftwerke für sicher halten. Deren Kalkül bezeichnen Sie ironisch als „das Prinzip Hoffnung“.
Die Frage nach der Beweislast in der Bewertung eines Risikos ist entscheidend. Gerade hierin gab es einen großen Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit. Im Mittelalter galt das Prinzip des sogenannten Tutiorismus*: Man muss sicher sein, in dubio pro reo, in dubio pro vita – im Zweifel gilt das Prinzip der Erhaltung. Wenn die Risiken, wie in diesem Fall, zu groß werden und wenn sie gar über Jahrtausende neue Risiken schaffen, liegt die Beweislast bei den Atomkraft-Lobbyisten. Da muss wieder das alte tutioristische Prinzip gelten, das eine Zeit lang ausgehebelt war. Der Unfall in Japan ist eine Folge des neuzeitlichen Prinzips, das sich weithin bei uns durchgesetzt hat: In dubio pro libertate.

„Im Zweifel für die Freiheit“ als ein Prinzip des Fortschritts auf Kosten der Nachhaltigkeit?
Ja. Und das betrifft in unserem konkreten Fall die Freiheit, Atommeiler zu betreiben, ehe die Frage der Endlagerung des radioaktiven Materials verantwortlich geklärt ist. Das nenne ich „das Prinzip Hoffnung“: Man fängt schon einmal an und weiß nicht, ob man je eine Lösung finden wird. Das ist frivol.

Kants Kritik der reinen Vernunft markiert gewissermaßen den Wandel der wissenschaftlichen Methoden. Vernunftgeleitete Theorie und empirische Forschung, die ­aneinander erprobt wurden, führten in der Neuzeit zu neuen Erkenntnissen. Ein Ergebnis dieser vernunftbasierten Wissenschaft ist die Atomenergie. Hat sich die Vernunft ad absurdum geführt?
Nein. Die Entdeckung der Kräfte, die die Welt im Innersten – im Kern – zusammenhalten, ist eine ungeheuer kostbare Entdeckung. Ich glaube überhaupt nicht, dass diese Entdeckung etwas Unerlaubtes wäre, aber ihre Anwendung ermöglicht, wie alle Menschendinge, auch einen schlechten Gebrauch. Deshalb ist es irreführend, wenn Kirchenleute sagen, die Technik selbst ist gut, man darf sie nur nicht zum Schlechten benutzen. Nein: dieser Technik sind schon schlechte Gebrauchsweisen immanent. Da die Technik gerade in der Atomforschung eng mit der Wissenschaft zusammenarbeitet, weil der Wissenschaftler seine Fortschritte nur machen kann, wenn er eine hochentwickelte Technik zur Seite hat, gerät der Erkenntniswille auch ins Zwielicht. Er ist und bleibt legitim, aber mir scheint, dass überall dort, wo es um Anwendung geht, um Technologie also, muss man mit den Erkenntnissen sehr zurückhaltend sein. Nicht alles, was der Erkenntnis dient, dient dem Menschen. Weder in der Atomforschung noch in der Embryonenforschung. Erkenntnisdrang rechtfertigt nicht die Vernichtung von Kindern im Mutterleib, er ist kein absoluter Wert.

Wolfgang Wicklers Buch „Die Biologie der Zehn Gebote“ beginnt mit dem Satz „Der Mensch ist das Wesen, das mehr will, als er kann, und mehr kann, als er soll.“
Sehr schön.

Braucht es Kriterien der Selbstbeschränkung?
Ja, nur müssen wir genau fragen, was das bedeutet. Müssen wir unser Streben, Wahrheit zu erkennen, bremsen? Da wohl nicht, aber wir müssen es immer in Beziehung setzen zu den Kosten. Hier sind die Kosten Menschen­leben. Es gibt eben Forschung, die man nicht betreiben darf. Zum Beispiel wenn für eine Forschung Embryonen gebraucht werden. Das geht nicht, denn das hieße Dinge zu tun, die dem Menschen nicht erlaubt sind. Genau das ist auch hier zu fragen: Ist der Preis für den Fortschritt in der Energiegewinnung nicht zu hoch?

Sie sind Christ und Philosoph.
Gibt es dezidiert christliche Kriterien für eine Vernunft, die dem Menschen dient?
Ja, das ist eine Vernunft, die in Generationen denkt und die Erhaltung des Menschengeschlechts zum Ziel hat. Einer Geisteshaltung, die sich nicht um das Wohl kommender ­Generationen schert, muss eine Barriere vorgeschoben werden. Dann wird der Glaube zur Barriere, die dem Streben nach Wissen als Selbstwert und dem Ausreizen des Machbaren Einhalt gebietet. Der Glaube geht dann wieder der Vernunft voraus, und das erst stellt das Vertrauen in die Vernunft wieder her. Denn die letzten 150 Jahre haben zu einer wachsenden Skepsis gegenüber der Fähigkeit der Vernunft geführt. Es gibt eigentlich heute nur ­einen Verteidiger der Vernunft. Das ist der christliche Glaube. Die Erkenntnis hat für den Menschen eine verpflichtende, bindende Kraft. Dazu allerdings muss man wieder glauben, dass die Vernunft eine göttliche Wurzel hat.

Japan wurde von Katastrophen heimgesucht, die das bisher Denkbare und Erklärbare übersteigen. Bei Schreckensszenen von solchem Ausmaß kommt gewöhnlich die Frage nach Gott ins Spiel. Wo war Gott in Japan?
Die Frage wird immer wieder gestellt. Bei uns war die klassische Frage: Wo war Gott in Auschwitz? Meine Antwort damals: Am Kreuz. In Auschwitz wirkte die teuflische Bosheit von Menschen. In Japan ist es ein ­ungeheuerliches Zusammentreffen von drei Katastrophen. Die Frage, wo Gott war, stellt sich auch, ohne dass ich etwas von Auschwitz oder Japan weiß, schon wenn ich zum Beispiel höre, dass ein kleines Kind von seinen Eltern auf bösartige Weise zu Tode gequält wurde. Nach Katastrophen entsteht eine gewisse ­Hysterie, die auf die Größenordnung schaut, da muss sich Gott speziell rechtfertigen. Bei kleineren Sachen ist man bereit, darüber ­hinwegzusehen. Gott hingegen sieht über gar keine Sache hinweg.

Wie kann er es dann zulassen?
Darauf gibt es eine klare biblische Antwort im Buch Hiob. Hiob fragt sich, warum ihm so viel Unglück zustößt. Seine Freunde betreiben Theodizee und erklären ihm, dass Gott ­gerecht ist und die Schuld bei ihm selbst liege, weil Gott ja nicht schuld daran sein könne, dass so ungerechte Sachen passieren. Dann kommt Gott und weist die Freunde in ihre Schranken. Er sagt: Ihr habt überhaupt keine Ahnung. Ihr kennt meine Motive nicht. In ­Hiobs Protest ist immer noch mehr Wahrheit als in eurer Theodizee.

Und wie reagiert der bedrängte Hiob?
Gott redet mit Hiob unter vier Augen und fragt ihn: Wo warst du denn, als ich die Sterne gemacht habe? Als ich das Krokodil gemacht habe, das Nilpferd und den Leviathan? Hast du mir dabei geholfen? Hast du irgendeine Ahnung über den Kosmos? Diese Antwort stößt Hiob nicht ab, sondern er begreift und ergreift sein großes Ja zu Gott: Er vertraut auf Gott, trotz allem, was geschieht. Seine Frau sagt ihm: Schwöre Gott ab, verfluche Gott und stirb. Hiob aber sagt: Wir haben von ihm all das Gute genommen, dann werden wir auch das Böse annehmen; der Name des Herrn sei gepriesen.

Die Gnade des Glaubens liegt also darin, auch in der Not im Vertrauen zu bleiben?
Vertrauen – das ist das A und O des Glaubens.

Angesichts solchen Leidens fragt man sich, ob Gott ein lieber oder ein zorniger ist.
Was den zornigen Gott betrifft: Gott ist kein alter Mann, der sich aus dem Konzept bringen lässt, sondern der Zorn erscheint als die Kehrseite der Liebe. Gott ist immer gleich, er verändert sich nicht. Aber Gott ist einmal die Sonne, die wärmt, und einmal die Sonne, die verbrennt. Das liegt aber nicht an der Sonne, sondern an den Bedingungen auf der Erde.

Sehen Sie im Geschehen in Japan den zornigen Gott?
Man kann das. Aber man sollte sich zurückhalten. Und wir müssen vorsichtig sein und nicht mit wohlmeinenden Tröstungen aufwarten. Papst Benedikt hat vor dem Tor von Auschwitz etwas Entscheidendes getan: Er hat gebetet. Er hat keine Begründung gegeben, sondern einfach die Frage nach dem Warum stehen lassen und in ein Gebet gefasst.

Jetzt glauben Christen, anders als Budd­histen, an einen personalen Gott. Wieweit hilft ein solcher Glaube in dieser Krise?
Unter einem nichtpersonalen Gott kann ich mir gar nichts vorstellen. An Gott glauben heißt ja, an einen Gott glauben, der es gut meint. Um es gut zu meinen, muss man eine Person sein. Ich kann Gott vertrauen, weil er eine Person ist.

Sind die Japaner mit ihrer Glaubenstradition im Nachteil?
Ja und nein. Einerseits benehmen sie sich als Japaner auf eine Weise, die man als Christ und Nichtjapaner nur bewundern kann. Diese stoische Ruhe und Gelassenheit in schlimmsten Situationen. Aber ob sie in einer besseren Lage sind als die Christen, da würde ich sagen nein. Jesus selbst war kein Stoiker. Er hat gezittert am Ölberg, er hat geweint, er hat sich überschwänglich gefreut. Christen haben den nichtchristlichen Japanern etwas voraus: ­Vertrauen. Das ist zukunftsweisender als ­stoisches Aushalten. Und es weist über uns selbst hinaus auf den Größeren. So ist es für Christen möglich, die schlimmsten Dinge im Vertrauen aufzufangen.

Der Philosoph Günther Anders schreibt: „Nicht unser Verschwinden wäre ein Wunder, sondern unser Fortbestand.“ Auch Sie haben mehrfach betont, dass unsere technische Zivilisation wohl nicht ewig bestehen könne. Das zeugt nicht gerade von einem Geschichtsoptimismus.
Wir sind es sehr gewohnt, in Kategorien des Fortschritts zu denken, vor allem des wissenschaftlichen Fortschritts. Wir erwarten, dass das Wissen und die technischen Möglichkeiten sich dauernd vermehren werden. Davon leiten wir wie selbstverständlich ab, dass diese Zivilisation auf ewig existieren wird. Aber es gibt nicht den geringsten Grund für diese ­Annahme. Bisher sind noch alle Zivilisationen zugrunde gegangen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass es mit unserer ebenso gehen wird.

Die Bibel spricht klar davon, dass die ­Geschichte der Menschheit ihrem Ende ­entgegengeht.
Und am Ende kommt nicht etwa das Reich Gottes, sondern der Antichrist. Das Reich Gottes kommt dann rettend in Form eines Einbruchs von außen.

Zuvor aber, heißt es etwa bei Matthäus, ­dass sich Naturkatastrophen ereignen werden, Hungersnöte, Erdbeben.
Ja, und vom Rauschen des Meeres und von ­Erschütterungen der Kräfte des Himmels.

Sind die Ereignisse der letzten Wochen oder Jahre, wie die Tsunamis und schweren Erd­beben auf den Philippinen, auf Haiti und Chile, in einem biblisch-endzeitlichen ­Kontext zu deuten?
Ich denke ja. Ohne dafür irgendeinen Anspruch zu erheben, dass das eine zwingende Schlussfolgerung wäre. Möglich ist auch eine ganz andere Wendung, denn dasselbe Neue Testament spricht von einem tausendjährigen Reich und der Herrschaft Christi, bevor der Antichrist kommt. Es könnte ja auch sein, dass uns noch eine große Zeit bevorsteht, in der viele Menschen Christen werden. Das kann man nicht ausschließen. Ich persönlich sehe das eher nicht, aber ich wäre jederzeit gern bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Also, Endzeit ja. Aber ob diese Zeitspanne Jahrzehnte, -hunderte oder –tausende umfasst, ist wiederum Gottes Sache?
Richtig. Aber wenn solche Ereignisse sich häufen, dann haben wir allen Anlass, sie als Zeichen zu nehmen, die uns vorhergesagt sind.

Die Bibel fordert das Volk Gottes auf, stets voller Hoffnung zu sein. Woher nehmen Christen Trost und Freude angesichts der ­Ereignisse dieser Tage?
Aus der Verheißung. Wenn Dostojewskis Iwan Karamasow sagt, er will die Eintritts­karte in den Himmel zurückgeben, wenn diese über die Ermordung eines einzelnen, ­unschuldigen Kindes geht, dann kann man darauf nur antworten: Das Universum interessiert sich nicht dafür, ob du die Eintrittskarte zurückgibst oder nicht. Nur, was du tust, ist folgendes: du willst nicht zustimmen zu einem Reich, in dem dieses getötete Kind wieder ­leben wird – in Ewigkeit. Stattdessen möchtest du daran festhalten, dass das irdische Geschehen das letzte Wort hat.

Wir neigen dazu, in unserem Leben und Denken im Horizont des Diesseits zu versacken?
Allerdings.

Und Sie meinen, die Freude und die Hoffnung des Christentums strahlt uns vor allem aus dem „Darüber hinaus“ entgegen?
Ja. Man versucht uns so ein Soft-Christentum beizubringen. Und das hat Tradition. Aber wenn der Apostel Paulus sagt: „Wir haben hier keine bleibende Statt, unsere Heimat ist im Himmel“, dann ist das eine klare Ansage, um sich auszurichten und nicht, um sich einzurichten. Es hat mich viele Jahre innere Anstrengung gekostet, dass katholische Prediger mir in der Nazi-Zeit versucht haben auszureden, was da gesagt ist. Ich habe aber erfahren, dass diese unbequeme Botschaft des Paulus ­eine Quelle der Freude ist. Anders als bei ­einem Geschichtsoptimismus. Da strengt man sich sehr an, aber wenn die Sache schiefgeht, ist man tief frustriert. Und die Welt ist voll von zynisch gewordenen Idealisten.

Wohl, weil das Gute flüchtig ist?
Man kann schon bei Platon lernen, dass alle Gestalten des guten Lebens vergänglich sind, so wie das Leben überhaupt. Aber wenn ­irgendwo eine Gestalt guten Lebens realisiert wurde, dann hat das eine Ewigkeitsbedeutung. Das ist bei J. R. R. Tolkien im Herrn der Ringe so schön. Als Sauron am Ende besiegt wird, heißt es: „und es war Frieden für lange Zeit“. Es war kein ewiger Friede, sondern ein langer. Mehr können wir nicht hoffen. Aber wir tun jetzt, was wir können, um eine gottgewollte Gestalt eines friedlichen Lebens zu verwirk­lichen. Wie lange das andauert, das liegt in Gottes Hand.
Mit Gott lässt sich auch hadern, etwa wenn wir in die Psalmen und Klagelieder schauen.
Wir können unsere Klagen vor Gott bringen. Sie trennen uns nicht von ihm. Wir müssen nicht sagen: Ich kann sowieso nicht in Gottes Geheimnisse schauen, also brauche ich mich nicht dafür zu interessieren. Sondern um­gekehrt: Ich kann das Leiden und mein ­Unverständnis vor Gott bringen.

Es also in die Beziehung hineinnehmen, es vor ihm aussprechen…
Ja, das kann bis zum Hadern gehen. Es ist ­interessant, dass in den Psalmen immer wieder Gott angerufen wird, uns zu helfen „um deines Namens willen“. Es wird an Gottes ­Eigeninteresse appelliert: „Du kannst doch nicht wollen, dass die Heiden sagen ‚Wo ist denn ihr Gott?’ Deine eigene Ehre steht ja auf dem Spiel.“ Oft macht der Psalmist, der Gott anruft, Gott gegenüber Gott geltend. Er sagt: Du bist Gott, das impliziert Verpflichtungen. Wir können zwar nicht genau sagen welche, aber wir müssen vertrauen, dass er auch tun wird, was er sich selbst schuldig ist.

Was können Christen in diesen Tagen tun?
Praktische Hilfe ist geboten. Wenn die Menschen in Zeltstädten frieren, brauchen sie warme Decken. Es gibt immer zwei Dinge, die man tun kann: Helfen und beten. Übrigens auch in umgekehrter Reihenfolge.

* Als Tutiorismus (von lat. tutior=sicherer) wird eine ethische Position bezeichnet, die bei unklaren Folgen einer möglichen Entscheidung, – um nicht schuldig zu werden –, stets für die sicherere­ von zwei Möglichkeiten plädiert.

Erschienen in: Salzkorn 2/2011 „Himmel grüßt Erde. Der Garten, die Vernunft und die Kreatur“, S. 62-67.

Switch to our mobile site