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Leadership: Der vollzählige Leiter

13 Juli 2012

Was macht einen Leiter zum Leiter? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um kraftvoll leiten zu können?
Die Erwartungen an einen Leiter sind in der Regel groß: Stark soll er sein und hör­bereit. Teamfähig und innovativ. Vermittelnd und entscheidungsfreudig. Er ist Erwartungs­träger und – wenn es gut geht – Vertrauensmann. Zu den vordergründig hohen Erwartungen tritt meist eine Hintergrundstrahlung hinzu, die seine Aufgabe nicht gerade erleichtert: Der Leiter bietet in seiner exponierten Stellung die willkommene Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche und Vorstellungen, mit denen seine Mitstreiter – meist unbewusst – ihm bisweilen heftig zusetzen.

Der vollzählige Leiter. Über notwendiges Potenzial und unverzichtbare Amtsgnade »

Die Vernunft, das Atom und der Glaube

13 Mai 2011

Über entfesselte Wissenschaft und das verdrängte Restrisiko

Interview mit Robert Spaemann
von Dominik Klenk

Herr Professor Spaemann, Sie sind seit Jahrzehnten eine kritische Stimme in der Debatte um die ethische Vertretbarkeit der Atomenergie. Sie halten Atomkraft für eine höchst ­problematische Variante der Energiegewinnung für die Menschheit – warum?
Robert Spaemann: Weil wir die Technologie nicht beherrschen. Es hat mit der Atomkraft ja militärisch begonnen: mit der Atombombe, da war gleich der gute Geist aus der Sache weg – und dann kam der Gedanke der friedlichen Nutzung. Man behauptete zwar, das Risiko sei gering, es hat jedoch nie jemand gewagt zu sagen, das Risiko gebe es nicht. Aber die eiserne Regel lautet: Was schief gehen kann, das geht auch einmal schief, man muss einfach warten, bis das Unwahrscheinliche Wirklichkeit wird. Die Atomtechnik ist von Ausmaßen, die nicht verantwortbar sind. Dieser kleine Planet ist uns zu treuen Händen übergeben; es kann kein größeres Verbrechen geben, als ein ganzes Gebiet unbewohnbar zu machen.

Wiegt der hervorragende Nutzen das nicht auf?
In keiner Weise.

Wer ist für die Situation, die jetzt in Japan eingetreten ist, verantwortlich? Wie weit muss man da ausholen?
Viele Dinge, die wir tun, sind mitursächlich für etwas, was schlimme Folgen hat. Aber das Schlimme ist nicht direkt durch unser Tun entstanden, sondern durch ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren, von denen einer unser Tun war. In diesem Sinne gibt es viele Verantwortliche: Die Kernphysiker, die Wirtschaftstreibenden, dann die Politiker. Die Frage ist: Wer trägt eigentlich die persönliche Verantwortung in dem Sinne, dass man sagen kann: Er ist schuld? Carl Friedrich von Weizsäcker erzählte mir, wie er zusammen mit den anderen gefangenen Atomphysikern in Amerika vom Werfen der beiden Atombomben über Japan erfahren hatte. Er sagte: Unsere erste Reaktion war, „Wow, es funktioniert also doch.“ Erst allmählich folgte die Erkenntnis: „Das ist schrecklich.“ Von der Schuld über die ersten, tiefen Gefühle der Befriedigung sind die Wissenschaftler nicht freizusprechen. Obwohl Weizsäcker vom sogenannten Restrisiko ­wusste, hatte er sich, als er in Österreich Bruno Kreisky beriet, für den Bau von Atomkraftwerken eingesetzt. Und zwar unter der Prämisse: Unter normalen Umständen könne nichts passieren, und Krieg und Terrorismus könne man nicht in Rechnung stellen. Ich erwiderte: Wieso, wir müssen bei so einem Gefahrenpoten­tial mit Jahrtausendfolgen doch gerade Extrem­situationen in Rechnung stellen.

Diese Faszination von „Wow, es funktioniert“ kennzeichnet den faustischen Menschen in seinem Wissens- und Machtstreben.
Setzt unsere Risikokultur die eigene Lebens­umwelt fahrlässig aufs Spiel?
Ja. Sie würden selbst zwar behaupten: Wir haben nicht mit diesem Extremfall gerechnet. Aber sie hätten sehr wohl damit rechnen müssen. Auch in Japan ist nichts passiert, das schlechthin unvorhersehbar war.

In Ihrem Essay „Nach uns die Kernschmelze“ (FAZ 2008) legen Sie dar, dass die Beweislast der Vertretbarkeit von Atomenergie bei jenen liege, die Atomkraftwerke für sicher halten. Deren Kalkül bezeichnen Sie ironisch als „das Prinzip Hoffnung“.
Die Frage nach der Beweislast in der Bewertung eines Risikos ist entscheidend. Gerade hierin gab es einen großen Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit. Im Mittelalter galt das Prinzip des sogenannten Tutiorismus*: Man muss sicher sein, in dubio pro reo, in dubio pro vita – im Zweifel gilt das Prinzip der Erhaltung. Wenn die Risiken, wie in diesem Fall, zu groß werden und wenn sie gar über Jahrtausende neue Risiken schaffen, liegt die Beweislast bei den Atomkraft-Lobbyisten. Da muss wieder das alte tutioristische Prinzip gelten, das eine Zeit lang ausgehebelt war. Der Unfall in Japan ist eine Folge des neuzeitlichen Prinzips, das sich weithin bei uns durchgesetzt hat: In dubio pro libertate.

„Im Zweifel für die Freiheit“ als ein Prinzip des Fortschritts auf Kosten der Nachhaltigkeit?
Ja. Und das betrifft in unserem konkreten Fall die Freiheit, Atommeiler zu betreiben, ehe die Frage der Endlagerung des radioaktiven Materials verantwortlich geklärt ist. Das nenne ich „das Prinzip Hoffnung“: Man fängt schon einmal an und weiß nicht, ob man je eine Lösung finden wird. Das ist frivol.

Kants Kritik der reinen Vernunft markiert gewissermaßen den Wandel der wissenschaftlichen Methoden. Vernunftgeleitete Theorie und empirische Forschung, die ­aneinander erprobt wurden, führten in der Neuzeit zu neuen Erkenntnissen. Ein Ergebnis dieser vernunftbasierten Wissenschaft ist die Atomenergie. Hat sich die Vernunft ad absurdum geführt?
Nein. Die Entdeckung der Kräfte, die die Welt im Innersten – im Kern – zusammenhalten, ist eine ungeheuer kostbare Entdeckung. Ich glaube überhaupt nicht, dass diese Entdeckung etwas Unerlaubtes wäre, aber ihre Anwendung ermöglicht, wie alle Menschendinge, auch einen schlechten Gebrauch. Deshalb ist es irreführend, wenn Kirchenleute sagen, die Technik selbst ist gut, man darf sie nur nicht zum Schlechten benutzen. Nein: dieser Technik sind schon schlechte Gebrauchsweisen immanent. Da die Technik gerade in der Atomforschung eng mit der Wissenschaft zusammenarbeitet, weil der Wissenschaftler seine Fortschritte nur machen kann, wenn er eine hochentwickelte Technik zur Seite hat, gerät der Erkenntniswille auch ins Zwielicht. Er ist und bleibt legitim, aber mir scheint, dass überall dort, wo es um Anwendung geht, um Technologie also, muss man mit den Erkenntnissen sehr zurückhaltend sein. Nicht alles, was der Erkenntnis dient, dient dem Menschen. Weder in der Atomforschung noch in der Embryonenforschung. Erkenntnisdrang rechtfertigt nicht die Vernichtung von Kindern im Mutterleib, er ist kein absoluter Wert.

Wolfgang Wicklers Buch „Die Biologie der Zehn Gebote“ beginnt mit dem Satz „Der Mensch ist das Wesen, das mehr will, als er kann, und mehr kann, als er soll.“
Sehr schön.

Braucht es Kriterien der Selbstbeschränkung?
Ja, nur müssen wir genau fragen, was das bedeutet. Müssen wir unser Streben, Wahrheit zu erkennen, bremsen? Da wohl nicht, aber wir müssen es immer in Beziehung setzen zu den Kosten. Hier sind die Kosten Menschen­leben. Es gibt eben Forschung, die man nicht betreiben darf. Zum Beispiel wenn für eine Forschung Embryonen gebraucht werden. Das geht nicht, denn das hieße Dinge zu tun, die dem Menschen nicht erlaubt sind. Genau das ist auch hier zu fragen: Ist der Preis für den Fortschritt in der Energiegewinnung nicht zu hoch?

Sie sind Christ und Philosoph.
Gibt es dezidiert christliche Kriterien für eine Vernunft, die dem Menschen dient?
Ja, das ist eine Vernunft, die in Generationen denkt und die Erhaltung des Menschengeschlechts zum Ziel hat. Einer Geisteshaltung, die sich nicht um das Wohl kommender ­Generationen schert, muss eine Barriere vorgeschoben werden. Dann wird der Glaube zur Barriere, die dem Streben nach Wissen als Selbstwert und dem Ausreizen des Machbaren Einhalt gebietet. Der Glaube geht dann wieder der Vernunft voraus, und das erst stellt das Vertrauen in die Vernunft wieder her. Denn die letzten 150 Jahre haben zu einer wachsenden Skepsis gegenüber der Fähigkeit der Vernunft geführt. Es gibt eigentlich heute nur ­einen Verteidiger der Vernunft. Das ist der christliche Glaube. Die Erkenntnis hat für den Menschen eine verpflichtende, bindende Kraft. Dazu allerdings muss man wieder glauben, dass die Vernunft eine göttliche Wurzel hat.

Japan wurde von Katastrophen heimgesucht, die das bisher Denkbare und Erklärbare übersteigen. Bei Schreckensszenen von solchem Ausmaß kommt gewöhnlich die Frage nach Gott ins Spiel. Wo war Gott in Japan?
Die Frage wird immer wieder gestellt. Bei uns war die klassische Frage: Wo war Gott in Auschwitz? Meine Antwort damals: Am Kreuz. In Auschwitz wirkte die teuflische Bosheit von Menschen. In Japan ist es ein ­ungeheuerliches Zusammentreffen von drei Katastrophen. Die Frage, wo Gott war, stellt sich auch, ohne dass ich etwas von Auschwitz oder Japan weiß, schon wenn ich zum Beispiel höre, dass ein kleines Kind von seinen Eltern auf bösartige Weise zu Tode gequält wurde. Nach Katastrophen entsteht eine gewisse ­Hysterie, die auf die Größenordnung schaut, da muss sich Gott speziell rechtfertigen. Bei kleineren Sachen ist man bereit, darüber ­hinwegzusehen. Gott hingegen sieht über gar keine Sache hinweg.

Wie kann er es dann zulassen?
Darauf gibt es eine klare biblische Antwort im Buch Hiob. Hiob fragt sich, warum ihm so viel Unglück zustößt. Seine Freunde betreiben Theodizee und erklären ihm, dass Gott ­gerecht ist und die Schuld bei ihm selbst liege, weil Gott ja nicht schuld daran sein könne, dass so ungerechte Sachen passieren. Dann kommt Gott und weist die Freunde in ihre Schranken. Er sagt: Ihr habt überhaupt keine Ahnung. Ihr kennt meine Motive nicht. In ­Hiobs Protest ist immer noch mehr Wahrheit als in eurer Theodizee.

Und wie reagiert der bedrängte Hiob?
Gott redet mit Hiob unter vier Augen und fragt ihn: Wo warst du denn, als ich die Sterne gemacht habe? Als ich das Krokodil gemacht habe, das Nilpferd und den Leviathan? Hast du mir dabei geholfen? Hast du irgendeine Ahnung über den Kosmos? Diese Antwort stößt Hiob nicht ab, sondern er begreift und ergreift sein großes Ja zu Gott: Er vertraut auf Gott, trotz allem, was geschieht. Seine Frau sagt ihm: Schwöre Gott ab, verfluche Gott und stirb. Hiob aber sagt: Wir haben von ihm all das Gute genommen, dann werden wir auch das Böse annehmen; der Name des Herrn sei gepriesen.

Die Gnade des Glaubens liegt also darin, auch in der Not im Vertrauen zu bleiben?
Vertrauen – das ist das A und O des Glaubens.

Angesichts solchen Leidens fragt man sich, ob Gott ein lieber oder ein zorniger ist.
Was den zornigen Gott betrifft: Gott ist kein alter Mann, der sich aus dem Konzept bringen lässt, sondern der Zorn erscheint als die Kehrseite der Liebe. Gott ist immer gleich, er verändert sich nicht. Aber Gott ist einmal die Sonne, die wärmt, und einmal die Sonne, die verbrennt. Das liegt aber nicht an der Sonne, sondern an den Bedingungen auf der Erde.

Sehen Sie im Geschehen in Japan den zornigen Gott?
Man kann das. Aber man sollte sich zurückhalten. Und wir müssen vorsichtig sein und nicht mit wohlmeinenden Tröstungen aufwarten. Papst Benedikt hat vor dem Tor von Auschwitz etwas Entscheidendes getan: Er hat gebetet. Er hat keine Begründung gegeben, sondern einfach die Frage nach dem Warum stehen lassen und in ein Gebet gefasst.

Jetzt glauben Christen, anders als Budd­histen, an einen personalen Gott. Wieweit hilft ein solcher Glaube in dieser Krise?
Unter einem nichtpersonalen Gott kann ich mir gar nichts vorstellen. An Gott glauben heißt ja, an einen Gott glauben, der es gut meint. Um es gut zu meinen, muss man eine Person sein. Ich kann Gott vertrauen, weil er eine Person ist.

Sind die Japaner mit ihrer Glaubenstradition im Nachteil?
Ja und nein. Einerseits benehmen sie sich als Japaner auf eine Weise, die man als Christ und Nichtjapaner nur bewundern kann. Diese stoische Ruhe und Gelassenheit in schlimmsten Situationen. Aber ob sie in einer besseren Lage sind als die Christen, da würde ich sagen nein. Jesus selbst war kein Stoiker. Er hat gezittert am Ölberg, er hat geweint, er hat sich überschwänglich gefreut. Christen haben den nichtchristlichen Japanern etwas voraus: ­Vertrauen. Das ist zukunftsweisender als ­stoisches Aushalten. Und es weist über uns selbst hinaus auf den Größeren. So ist es für Christen möglich, die schlimmsten Dinge im Vertrauen aufzufangen.

Der Philosoph Günther Anders schreibt: „Nicht unser Verschwinden wäre ein Wunder, sondern unser Fortbestand.“ Auch Sie haben mehrfach betont, dass unsere technische Zivilisation wohl nicht ewig bestehen könne. Das zeugt nicht gerade von einem Geschichtsoptimismus.
Wir sind es sehr gewohnt, in Kategorien des Fortschritts zu denken, vor allem des wissenschaftlichen Fortschritts. Wir erwarten, dass das Wissen und die technischen Möglichkeiten sich dauernd vermehren werden. Davon leiten wir wie selbstverständlich ab, dass diese Zivilisation auf ewig existieren wird. Aber es gibt nicht den geringsten Grund für diese ­Annahme. Bisher sind noch alle Zivilisationen zugrunde gegangen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass es mit unserer ebenso gehen wird.

Die Bibel spricht klar davon, dass die ­Geschichte der Menschheit ihrem Ende ­entgegengeht.
Und am Ende kommt nicht etwa das Reich Gottes, sondern der Antichrist. Das Reich Gottes kommt dann rettend in Form eines Einbruchs von außen.

Zuvor aber, heißt es etwa bei Matthäus, ­dass sich Naturkatastrophen ereignen werden, Hungersnöte, Erdbeben.
Ja, und vom Rauschen des Meeres und von ­Erschütterungen der Kräfte des Himmels.

Sind die Ereignisse der letzten Wochen oder Jahre, wie die Tsunamis und schweren Erd­beben auf den Philippinen, auf Haiti und Chile, in einem biblisch-endzeitlichen ­Kontext zu deuten?
Ich denke ja. Ohne dafür irgendeinen Anspruch zu erheben, dass das eine zwingende Schlussfolgerung wäre. Möglich ist auch eine ganz andere Wendung, denn dasselbe Neue Testament spricht von einem tausendjährigen Reich und der Herrschaft Christi, bevor der Antichrist kommt. Es könnte ja auch sein, dass uns noch eine große Zeit bevorsteht, in der viele Menschen Christen werden. Das kann man nicht ausschließen. Ich persönlich sehe das eher nicht, aber ich wäre jederzeit gern bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Also, Endzeit ja. Aber ob diese Zeitspanne Jahrzehnte, -hunderte oder –tausende umfasst, ist wiederum Gottes Sache?
Richtig. Aber wenn solche Ereignisse sich häufen, dann haben wir allen Anlass, sie als Zeichen zu nehmen, die uns vorhergesagt sind.

Die Bibel fordert das Volk Gottes auf, stets voller Hoffnung zu sein. Woher nehmen Christen Trost und Freude angesichts der ­Ereignisse dieser Tage?
Aus der Verheißung. Wenn Dostojewskis Iwan Karamasow sagt, er will die Eintritts­karte in den Himmel zurückgeben, wenn diese über die Ermordung eines einzelnen, ­unschuldigen Kindes geht, dann kann man darauf nur antworten: Das Universum interessiert sich nicht dafür, ob du die Eintrittskarte zurückgibst oder nicht. Nur, was du tust, ist folgendes: du willst nicht zustimmen zu einem Reich, in dem dieses getötete Kind wieder ­leben wird – in Ewigkeit. Stattdessen möchtest du daran festhalten, dass das irdische Geschehen das letzte Wort hat.

Wir neigen dazu, in unserem Leben und Denken im Horizont des Diesseits zu versacken?
Allerdings.

Und Sie meinen, die Freude und die Hoffnung des Christentums strahlt uns vor allem aus dem „Darüber hinaus“ entgegen?
Ja. Man versucht uns so ein Soft-Christentum beizubringen. Und das hat Tradition. Aber wenn der Apostel Paulus sagt: „Wir haben hier keine bleibende Statt, unsere Heimat ist im Himmel“, dann ist das eine klare Ansage, um sich auszurichten und nicht, um sich einzurichten. Es hat mich viele Jahre innere Anstrengung gekostet, dass katholische Prediger mir in der Nazi-Zeit versucht haben auszureden, was da gesagt ist. Ich habe aber erfahren, dass diese unbequeme Botschaft des Paulus ­eine Quelle der Freude ist. Anders als bei ­einem Geschichtsoptimismus. Da strengt man sich sehr an, aber wenn die Sache schiefgeht, ist man tief frustriert. Und die Welt ist voll von zynisch gewordenen Idealisten.

Wohl, weil das Gute flüchtig ist?
Man kann schon bei Platon lernen, dass alle Gestalten des guten Lebens vergänglich sind, so wie das Leben überhaupt. Aber wenn ­irgendwo eine Gestalt guten Lebens realisiert wurde, dann hat das eine Ewigkeitsbedeutung. Das ist bei J. R. R. Tolkien im Herrn der Ringe so schön. Als Sauron am Ende besiegt wird, heißt es: „und es war Frieden für lange Zeit“. Es war kein ewiger Friede, sondern ein langer. Mehr können wir nicht hoffen. Aber wir tun jetzt, was wir können, um eine gottgewollte Gestalt eines friedlichen Lebens zu verwirk­lichen. Wie lange das andauert, das liegt in Gottes Hand.
Mit Gott lässt sich auch hadern, etwa wenn wir in die Psalmen und Klagelieder schauen.
Wir können unsere Klagen vor Gott bringen. Sie trennen uns nicht von ihm. Wir müssen nicht sagen: Ich kann sowieso nicht in Gottes Geheimnisse schauen, also brauche ich mich nicht dafür zu interessieren. Sondern um­gekehrt: Ich kann das Leiden und mein ­Unverständnis vor Gott bringen.

Es also in die Beziehung hineinnehmen, es vor ihm aussprechen…
Ja, das kann bis zum Hadern gehen. Es ist ­interessant, dass in den Psalmen immer wieder Gott angerufen wird, uns zu helfen „um deines Namens willen“. Es wird an Gottes ­Eigeninteresse appelliert: „Du kannst doch nicht wollen, dass die Heiden sagen ‚Wo ist denn ihr Gott?’ Deine eigene Ehre steht ja auf dem Spiel.“ Oft macht der Psalmist, der Gott anruft, Gott gegenüber Gott geltend. Er sagt: Du bist Gott, das impliziert Verpflichtungen. Wir können zwar nicht genau sagen welche, aber wir müssen vertrauen, dass er auch tun wird, was er sich selbst schuldig ist.

Was können Christen in diesen Tagen tun?
Praktische Hilfe ist geboten. Wenn die Menschen in Zeltstädten frieren, brauchen sie warme Decken. Es gibt immer zwei Dinge, die man tun kann: Helfen und beten. Übrigens auch in umgekehrter Reihenfolge.

* Als Tutiorismus (von lat. tutior=sicherer) wird eine ethische Position bezeichnet, die bei unklaren Folgen einer möglichen Entscheidung, – um nicht schuldig zu werden –, stets für die sicherere­ von zwei Möglichkeiten plädiert.

Erschienen in: Salzkorn 2/2011 „Himmel grüßt Erde. Der Garten, die Vernunft und die Kreatur“, S. 62-67.

YOUCAT: Geschmeidig, gelb und glasklar

19 April 2011

Katholische Kirche landet Bestseller mit dem neuen Jugendkathechismus

YOUCAT: Die neue Jugendkatechismus der Katholischen Kirche

YOUCAT: Die neue Jugendkatechismus der Katholischen Kirche

Fast unhörbar hat sich der YOUCAT angeschlichen. Am Palmsonntag wurde der neue Weltjugendkathechismus in Rom dem Papst von Jugendlichen auf dem Petersplatz übergeben. Gerade erschienen, stürmt er bereits die Gipfel der Bestsellerlisten. Der Stern notierte ihn bereits in der vergangenen Woche auf Platz drei. Zur Erstpräsentation lag er in fünf Sprachen vor und soll zum katholischen Weltjugendtag in Madrid mit einer Neuauflage von 700000 Exemplaren die junge Generation aus aller Welt in über 15 Sprachen erreichen.
Wie das Werk zustande kam, ist durchaus bemerkenswert. Und für katholische Verhältnisse nahezu unglaublich. Dabei braucht man nicht einmal katholisch sein, um zu wissen, wie langwierig und häufig mit geringem Erfolg gesegnet, die Arbeit in kirchlichen Grundsatzkommissionen sein kann. Beim YOUCAT war es anders. Aus der Initiative von zwei Laien und mit der Unterstützung durch zwei Priester ist 2006 im Verborgenen ein Prozess angestoßen worden, der vor wenigen Monaten mit der Approbation des YOUCAT durch Papst Benedikt seinen innerkirchlichen Durchbruch schaffte.
Der Münchner Autor und Verleger Bernhard Meuser hatte es seit langem auf dem Herzen, ein Instrument zur Neuevangelisation der Jugendlichen zu schaffen. Gemeinsam mit Michaela Heereman, Religionslehrerin und Mutter von sechs Kindern und in Zusammenarbeit Christian Schmitt, Priester aus Münster und Johannes Eltz, Priester aus Limburg haben sie versucht den Kathechismus der Katholischen Kirche (KKK) in die Sprache der jungen Generation herunter zu brechen. Kein leichtes Unterfangen. Denn aus dem in Form und Gewicht backsteinähnlichen Kathechismus, der auch in seinem sprachlichen und visuellen Aufmachung sperrig bleibt, sollte ein geschmeidiges und einladendes Buch werden, das die Jugend gerne in die Hand nimmt.
„Was ist die Firmung?“, fragt der YOUCAT. „Wenn ein Trainer seinem Fussballspieler auf das Spielfeld schickt, legt er ihm die Hand auf die Schulter und gibt ihm letzte Anweisungen. So kann man auch die Firmung verstehen.“ Und was sagt der YOUCAT zum Thema Gottesdienstbesuch? „Eigentlich ist „Sonntagspflicht“ für einen echten Christen ein ebenso unpassendes Wort wie „Kusspflicht“ für einen richtig verliebten. Niemand kann eine lebendige Beziehung zu Christus haben, wenn er nicht dorthin geht, wo er auf uns wartet.“ Die Sprache ist klar und einfach, weil eine Gruppe von 50 Jugendlichen in mehreren Literatur-Camps die Autorenvorlage revidiert hat und ihre Formulierungen den Text mit gestaltet haben. Insbesondere in den Fragen der konkreten Lebensbezüge ist der YOUCAT eine lohnende Ressource für Christen aller Konfessionen. Er nimmt die heiklen Fragen nach Lebensführung und Sexualität, Armut und Globalisierung kurz und knapp auf und antwortet glasklar. Das Kirchenverständnis bleibt katholisch, aber ohne den Riss zwischen den Konfessionen zu strapazieren.
Auch als App für das iphone ist der YOUCAT inzwischen verfügbar, gemäß der einleitenden Empfehlung von Papst Benedikt: Studiert den Kathechismus. Lest ihn zu zweit, bildet Lerngruppen und Netzwerke, tauscht Euch im Internet aus. Ihr müsst im Glauben noch viel tiefer verwurzelt sein als die Generation Eurer Eltern.“ Mit dem neuen YOUCAT hat Rom die Welt überrascht. Und ein bisschen auch sich selbst.

“Wo war Gott in Japan?” – Interview mit Robert Spaemann über die Theodizee-Frage

31 März 2011

Diese Frage haben sich viele Menschen in den letzten Wochen gestellt. Von dieser Frage ausgehend habe ich mit dem Philosophen Robert Spaemann ein Interview gemacht, dass DIE ZEIT (13-2011) erstveröffentlicht hat. Warum kann man Gott selbst in der größten Katastrophe vertrauen und warum ertrug Jesus sein Leid nicht nur stoisch, sondern sondern in Verbundenheit mit dem Willen des Vaters? Spaemanns Antworten sind klar, glaubensstärkend und wegweisend.

Hier folgt das ganze Interview:

Interview mit Robert Spaemann von Dominik Klenk 

Robert Spaemann - Juni 2010

Robert Spaemann - Juni 2010 © Eberhard Koll - www.kollundkollegen.de

Japan wurde von Katastrophen heimgesucht, die das bisher Denkbare und Erklärbare übersteigen. Bei Ereignissen von solch schrecklichem Ausmaß kommt gewöhnlich die Frage nach Gott ins Spiel. Wo war Gott in Japan?

Die Frage wird immer wieder gestellt. Bei uns lautet bisher die klassische Frage: Wo war Gott in Auschwitz? Meine Antwort an den Spiegel, der die Frage stellte, lautete: Am Kreuz. In Auschwitz wirkte die teuflische Bosheit von Menschen. In Japan handelt es sich um ein ungeheuerliches Zusammentreffen von drei Katastrophen. Die Frage, wo Gott war, wird in solchen Situationen immer gestellt. Aber sie stellt sich auch ohne, dass ich etwas von Auschwitz oder Japan weiß, schon wenn ich zum Beispiel höre, dass ein kleines Kind von seinen Eltern auf bösartige Weise zu Tode gequält wurde. Nach Katastrophen entsteht eine gewisse Hysterie, die auf die Größenordnung schaut, da muss sich Gott speziell rechtfertigen. Bei kleineren Sachen ist man bereit, darüber hinwegzusehen. Gott hingegen sieht über gar keine Sache hinweg.

Wie kann er es dann zulassen?

Darauf gibt es eine klare biblische Antwort im Buch Hiob. Hiob fragt sich, warum ihm so viel Unglück zustößt. Seine Freunde betreiben Theodizee und erklären ihm, dass Gott gerecht ist und die Schuld bei Hiob selbst liegt, weil Gott ja nicht schuld sein kann, dass so Schreckliches passiert. Dann tritt Gott selbst auf und weist die Freunde in ihre Schranken. Er sagt: Sie haben überhaupt keine Ahnung. Sie kennen Gottes Motive nicht. In Hiobs Protest ist immer noch mehr Wahrheit als in der Theodizee der Theologen.

Und wie reagiert der bedrängte Hiob?

Gott redet mit Hiob am Ende selbst unter vier Augen und fragt ihn: Wo warst du denn, als ich die Sterne gemacht habe? Als ich das Krokodil gemacht habe, das Nilpferd und den Leviathan? Hast du mir dabei geholfen? Hast du irgendeine Ahnung über den Kosmos? Diese Antwort stößt Hiob nicht ab, sondern sie bringt ihn zur Besinnung:

Er vertraut auf Gott, trotz allem, was geschieht. Seine Frau sagt ihm: Verfluche Gott und stirb. Hiob aber sagt: Wir haben von ihm das Gute genommen, sollten wir dann nicht auch das Böse annehmen; der Name des Herrn sei gepriesen. Ein ermordeter Jude in Auschwitz schrieb in einem herausgeschmuggelten Testament: Gott, mach mit uns, was du willst. Du wirst es nicht schaffen, dass wir aufhören, dich zu loben. Dieses gewaltige Paradox versteht nur ein Gläubiger.

Die Gnade des Glaubens liegt also darin, auch in der Not im Vertrauen bleiben zu können?

Vertrauen – das ist das A und O des Glaubens.

Angesichts solcher Katastrophen fragt man sich jedoch, ob Gott ein lieber oder ein zorniger ist.

Was den zornigen Gott betrifft: Gott ist kein alter Mann, der sich aus dem Konzept bringen lässt, sondern der Zorn erscheint als die Kehrseite der Liebe. Gott ist immer gleich, er verändert sich nicht. Aber Gott ist einmal die Sonne, die wärmt, und einmal die Sonne, die verbrennt. Das liegt aber nicht an der Sonne, sondern an den Bedingungen auf der Erde.

Sehen Sie im Geschehen in Japan den zornigen Gott?

Man kann das. Aber man sollte sich zurückhalten. Und wir müssen vorsichtig sein und nicht mit wohlmeinenden Tröstungen aufwarten. Papst Benedikt hat vor dem Tor von Auschwitz etwas Entscheidendes getan: Er hat gebetet. Er hat keine Begründung gegeben, sondern einfach die Frage nach dem Warum stehenlassen und in ein Gebet gefasst.

Jetzt glauben Christen anders als Buddhisten an einen personalen Gott. Wieweit hilft ein solcher Glaube in dieser Krise?

Unter einem nichtpersonalen Gott kann ich mir gar nichts vorstellen. An Gott glauben heißt ja, an einen Gott glauben, der es gut meint. Um es gut zu meinen, muss man Person sein. Ich kann Gott vertrauen, weil er Person ist.

Sind die Japaner mit ihrer Glaubenstradition im Nachteil?

Ja und nein. Einerseits benehmen sie sich auf eine Weise, die man als Christ und Nichtjapaner nur bewundern kann. Diese stoische Ruhe und Gelassenheit in schlimmsten Situationen. Aber ob sie in einer besseren Lage sind als die Christen, da würde ich sagen nein. Jesus selbst war kein Stoiker. Er hat gezittert am Ölberg, er hat geweint, er hat sich überschwänglich gefreut. Christen haben den nichtchristlichen Japanern etwas voraus: Vertrauen. Das ist zukunftsweisender als stoisches Aushalten. Und es weist über uns selbst hinaus auf den Größeren. So ist es für Christen möglich, die schlimmsten Dinge nicht nur resignativ hinzunehmen, sondern im Vertrauen anzunehmen.

Wie steht es mit dem Wertekanon? Gibt es spezifische christliche Kriterien für eine Ethik der Wissenschaften, eine Ethik der Erkenntnis?

Für einen Christen müssen Glaube und Vernunft zusammenkommen. Aber nicht nach Prinzipien des Utilitarismus – alles sei erlaubt, wenn es einem vermeintlich guten Zweck dient. Eine solche Position ist sowohl mit dem Glauben als auch mit der Vernunft unvereinbar. Die letzten 150 Jahre haben zu einer wachsenden Skepsis gegenüber der Fähigkeit der Vernunft geführt. Es gibt eigentlich heute nur einen Verteidiger der Vernunft. Das ist der christliche Glaube. Der heilige Thomas von Aquin sagt: Es gibt zwei Quellen der göttlichen Offenbarung über das, was zu tun und was nicht zu tun ist: Vernunft und Offenbarung. Der Apostel Paulus schreibt, dass das am Sinai offenbarte Gesetz im Grunde jedem Menschen, auch den Heiden, ins Herz geschrieben ist. Die Erkenntnis hat für den Menschen eine verpflichtende, bindende Kraft. Dazu allerdings muss man glauben, dass die Vernunft eine göttliche Wurzel hat.

Der Philosoph Günther Anders hat geschrieben: „Nicht unser Verschwinden wäre ein Wunder, sondern unser Fortbestand“. Auch Sie haben mehrfach betont, dass unsere technische Zivilisation wohl nicht ewig bestehen könne. Das zeugt nicht gerade von einem Geschichtsoptimismus…

Wir sind es gewohnt, in Kategorien des Fortschritts zu denken, vor allem des wissenschaftlichen Fortschritts. Wir erwarten, dass Wissen und technische Möglichkeiten sich dauernd vermehren werden. Davon leiten wir wie selbstverständlich ab, dass diese Zivilisation auf ewig existieren wird. Aber es gibt nicht den geringsten Grund für diese Annahme. Bisher sind noch alle Zivilisationen zugrunde gegangen. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass es mit unserer ebenso gehen wird.

Die Bibel spricht klar davon, dass die Geschichte der Menschheit ihrem Ende entgegen geht.

Und am Ende kommt nicht etwa das Reich Gottes, sondern der Antichrist. Das Reich Gottes kommt dann rettend in Form eines Einbruchs von außen.

Bevor es aber so weit ist, heißt es etwa im Evangelium von Matthäus im 24. Kapitel, dass sich Naturkatastrophen ereignen werden. Hier ist die Rede von Hungersnöten, von Erdbeben.

Ja, und vom Rauschen des Meeres und von Erschütterungen der Kräfte des Himmels.

Sind diese Ereignisse der letzten Wochen und Jahre – wir hatten ja auch Tsunamis und schwere Erdbeben auf den Philippinen, auf Haiti und Chile – im Zusammenhang eines biblisch-endzeitlichen Kontextes zu deuten?

Ich denke Ja. Ohne dafür irgendeinen Anspruch zu erheben, dass das eine zwingende Schlussfolgerung wäre. Möglich ist auch eine ganz andere Wendung, denn dasselbe Neue Testament spricht von einem tausendjährigen Reich der Herrschaft Christi, bevor der Antichrist kommt. Es könnte ja auch sein, dass uns noch eine große Zeit bevorsteht, in der viele Menschen Christen werden. Das Ich persönlich sehe das eher nicht, aber ich wäre gern bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Also, Endzeit ja. Aber ob diese Zeitspanne sich in Jahrzehnten, -hunderten oder –tausenden fassen lässt, das ist wiederum Gottes Sache?

Richtig. Aber wenn solche Ereignisse sich häufen, dann haben wir allen Anlass, sie als Zeichen zu nehmen.

Die Bibel fordert das Volk auf, immer wieder froh und voller Hoffnung zu sein. „Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist Eure Stärke.“ Woher nehmen Christen Trost und Freude angesichts der Ereignisse dieser Tage?

Aus der Verheißung. Wenn Dostojewskis Iwan Karamasow sagt, er will die Eintrittskarte in den Himmel zurückgeben, wenn diese über die Ermordung eines einzelnen, unschuldigen Kindes geht, dann kann man darauf nur antworten: Das Universum interessiert sich nicht dafür, ob du die Eintrittskarte zurückgibst oder nicht. Nur was du tust, ist folgendes: Du willst nicht zustimmen zu einem Reich, in dem dieses getötete Kind wieder leben und getröstet sein wird – in Ewigkeit. Stattdessen möchtest du daran festhalten, dass das Böse das letzte Wort hat.

Das heißt, wir neigen heute dazu in unserem Leben und Denken im Horizont des Diesseits zu versacken?

Ja. Aber es war nie sehr anders.

Und Sie meinen, die Freude und die Hoffnung des Christentums strahlt uns vor allem aus dem „darüber hinaus“ entgegen?

Ja. Man versucht uns heute so ein Soft-Christentum beizubringen. Und das hat Tradition. Aber wenn der Apostel Paulus sagt: „Wir haben hier keine bleibende Statt, unsere Heimat ist im Himmel“, dann ist das eine klare Ansage, um sich auszurichten und nicht um sich einzurichten. Es hat mich viele Jahre innere Anstrengung gekostet, dass katholische Prediger mir in der Nazi-Zeit versucht haben auszureden, was da gesagt ist. Ich habe aber erfahren, dass diese unbequeme Botschaft des Paulus eine Quelle der Freude ist. Anders als bei einem Geschichtsoptimismus. Da strengt man sich sehr an, aber wenn die Sache schiefgeht, ist man tief frustriert. Und die Welt ist voll von zynisch gewordenen Idealisten.

Wohl, weil das Gute eben flüchtig ist?

Man kann schon bei Platon lernen, dass alle Gestalten des guten Lebens vergänglich, sind, so wie das Leben überhaupt. Aber wenn irgendwo eine Gestalt guten Lebens realisiert wurde, dann hat das eine Ewigkeitsbedeutung. Das ist bei J.R.R. Tolkien im „Herrn der Ringe“ so schön. Als Sauron am Ende besiegt wird, heißt es: „und es war Frieden für lange Zeit.“ Es war kein ewiger Friede, sondern ein langer. Mehr können wir nicht hoffen. Aber wir tun jetzt, was wir können, um eine gottgewollte Gestalt eines friedlichen Lebens zu verwirklichen. Wie lange das andauert, das liegt in Gottes Hand.

Mit Gott lässt sich auch hadern, etwa wenn wir in die Psalmen und Klagelieder schauen. Was lässt sich daraus für diese Tage schöpfen?

Wir können unsere Klagen vor Gott bringen. Sie trennen uns nicht von ihm. Wir müssen nicht sagen: Ich kann sowieso nicht in Gottes Geheimnisse schauen, also brauche ich mich nicht dafür zu interessieren. Sondern umgekehrt: Ich kann das Leiden und mein Unverständnis vor Gott bringen.

Vor Gott bringen – meint es in die Beziehung bringen, es vor ihm aussprechen?

Natürlich. Das kann bis zum Hadern gehen. Es ist interessant, dass in den Psalmen immer wieder Gott angerufen wird, uns zu helfen: „um deines Namens willen“. Es wird an Gottes Eigeninteresse appelliert: Du kannst doch nicht wollen, dass die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Deine eigene Ehre steht ja auf dem Spiel. Oft macht der Psalmist, der Gott anruft, Gott gegenüber Gott geltend. Er sagt: Du bist Gott, das impliziert Verpflichtungen. Wir können zwar nicht genau sagen welche, aber wir müssen vertrauen, dass er auch tun wird, was er sich selbst schuldig ist.

Was können Christen in diesen Tagen tun?

Praktische Hilfe ist geboten. Wenn die Menschen in Zeltstädten frieren, brauchen sie warme Decken. Es gibt immer zwei Dinge, die man tun kann: Helfen und beten. Übrigens auch in umgekehrter Reihenfolge.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Robert Spaemann gehört zu den bedeutendsten Denkern der Zeit.
Er wurde 1927 in Berlin geboren, studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik. Spaemann war Professor für Philosophie an den Universitäten Stuttgart, Heidelberg und München, wo er 1992 emeritiert wurde. 2005 erschien sein Buch “Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne”.

DIE ZEIT vom 24.3.2011

Bild-Copyright: Eberhard Koll

„Eindeutig im Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis“

20 November 2010

Die kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern hat nach dem Beschluss des bayrischen Landeskirchenrates, das Pfarrhaus für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, ein Interview mit Professor Dr. Reinhard Slenczka [pdf], D.D., Erlangen veröffentlicht, auf das ich gerne hinweise. Darin sagt Slenczka unter anderem:

„Seit Jahren werden von protestantischen Kirchenleitungen, so auch wiederholt in Bayern, gesellschaftspolitische Forderungen aus der Öffentlichkeit aufgenommen, die eindeutig im Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis stehen, und ohne theologische Begründung mit Mehrheitsbeschlüssen durchgesetzt.“

Das Amt trägt die Person!
Das neue Pfarrerdienstrecht auf dem Prüfstand

19 November 2010

[Dieses Interview ist der der Tagespost. Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur unter der Überschrift: „Das Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse eingebüßt“ – Update: Das Interview ist nicht mehr auf der Website der Tagespost, 07.01.2011]

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat bei der Verabschiedung des neuen Pfarrerdienstrechts auf der jüngsten Synode in Hannover neben der „Ehe“ den Begriff „familiäres Zusammenleben“ eingeführt und erklärt. Das Pfarrhaus wird damit offiziell für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften im Amt geöffnet. Auch die Leitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern will das Zusammenleben gleichgeschlechtlicher Partner im Pfarrhaus erleichtern. Regina Einig befragte dazu den Prior der Offensive Junger Christen (OJC), einer ökumenischen Kommunität in der EKD, und promovierten Philosophen Dominik Klenk.

Wie bewerten Sie das neue Pfarrerdienstrecht mit Blick auf die Ökumene?
Problematisch. Zuallererst muss aber einmal gesagt werden, dass der Versuch der EKD, ein einheitliches Pfarrerdienstrecht herzustellen, sinnvoll ist. Und in den pragmatisch beschreibenden Teilen ist dieser Versuch durchaus gelungen. Leider hat man im Kern der Ausführungen versagt: Dort, wo es um das Pfarrerbild und damit um das Menschenbild geht, dort, wo Amts- und Lebensführung im Zentrum stehen. Hier muss man feststellen, dass die Homo- und Genderideologie tief ins Innere der Kirche eingedrungen sind. Das zersetzt zwangsläufig den biblisch fundierten Boden, auf dem die Kirche steht. Mit Blick auf die Ökumene bedeutet das vor allem einen massiven Verlust der Glaubwürdigkeit als Gesprächspartner. Was die katholische Kirche angeht, steht diese ja Gott sei Dank in der Lehre von Ehe und Familie glasklar auf dem Boden der Heiligen Schrift. Hier liegen die Herausforderungen etwas anders gelagert: Hier muss die gelebte Praxis in den Pfarrhäusern und Priesterseminaren dringend angeschaut werden. Wo Lehre und Leben auseinanderfallen, leidet die Glaubwürdigkeit genauso.

Gesellschaftspolitisch ist die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften der Türöffner für die Homo-Adoption. Halten Sie eine solche Entwicklung in der EKD für denkbar?
Ja, damit ist zu rechnen, auch wenn das heute jeder empört zurückweist. Wer aber den Unterschied zwischen Ehe und homosexueller Partnerschaft nicht mehr eindeutig betont, der vernachlässigt zunehmend auch die grundlegende Bedeutung der Geschlechtlichkeit und Leiblichkeit des Menschen. Mit anderen Worten: Wer den Unterschied zwischen Ehe und homosexueller Partnerschaft nicht mehr kennt, kennt bald den Unterschied zwischen Mann und Frau nicht mehr. Dann ist es irgendwann auch gleichgültig, ob sich zwei Männer oder zwei Frauen oder aber Vater und Mutter um ein Kind kümmern. An keiner Stelle hat die evangelische Kirche bisher gezeigt, dass sie sich mit den zahlreichen soziologischen und sonstigen Daten zu homosexuellen Lebensweisen auseinandergesetzt hat – sonst würde sie die homosexuelle Partnerschaft nicht der Ehe gleichsetzen. Das heißt, sie weiß nicht, dass homosexuelle Partnerschaften viel instabiler sind – was zum Stress von Kindern beiträgt. Sie weiß nicht, dass viele Studien dafür sprechen, dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen (insbesondere minderjährigen Jungen) bei homosexuell Lebenden häufiger ist als bei heterosexuell Lebenden.

Welche treibende Kraft sehen Sie hinter dem Beschluss der EKD-Synode? Oder muss man sich den Hintergrund eher als Versuch, durch Anpassung gesellschaftlich zu punkten, vorstellen?
Vernunft kommt von „vernehmen“, aber die postmoderne Kirche vernimmt nichts mehr vom Wort Gottes. Sie entscheidet autonom, was sie glauben will und was nicht. Und sie lebt aus der eigenen Kraft. Aus dieser Haltung des Selberwissens und Selbermachens heraus speist sich offensichtlich die Vorstellung, ein elitehafter Vorreiter einer neuen, besseren Ethik zu sein: Einer Ethik, die angeblich nicht mehr diskriminiert, sondern toleriert und akzeptiert. Sie hat aber dabei das Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse eingebüßt. Das ist die Folge, wenn man sich nicht mehr eindeutig an der biblischen Botschaft orientiert. Besonders schmerzhaft ist das deshalb, weil die Kirche der Reformation sich ja in besonderer Weise dem Wort Gottes verpflichtet hat. Sola scriptura – alleine die Schrift, lautete das Credo Martin Luthers. Es ist den Bischöfen der VELKD und einigen aufrechten Pietisten aus Württemberg zu verdanken, dass die EKD im neuen Pfarrerdienstrecht am Begriff der Ehe im Pfarrhaus überhaupt noch festgehalten hat. Es gab starke Kräfte in der Synode, die nur noch von gendergerechten „Lebensformen“ und vom „familiären Zusammenleben“ sprechen wollten.

Die anglikanische Kirche hat mit ihrer Haltung zu homosexuellen Partnerschaften innere Zerreißproben heraufbeschworen. Was hindert die EKD Ihrer Meinung nach daran, aus solchen Erfahrungen zu lernen?
Es gibt in jeder Institution den Dünkel der Erhabenheit, das Gefühl, man stehe über den Dingen und Probleme hätten vor allem die anderen. Das gilt vermutlich auch für Kirchen. Lernfähigkeit bedeutet ja nicht, keine Fehler zu machen, sondern Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Dazu braucht es Demut und den unmissverständlichen Willen zu Entscheidungen auf biblischem Boden unter Erflehung des Heiligen Geistes. Davon ist man in der EKD weit entfernt. Stattdessen haben sich politisch korrekte Interessen Einzelner über den Gremienweg den Einzug ins Pfarrhaus gebahnt. Die Kirche darf aber ihr überindividuelles Amt nicht den Interessen von Individuen ausliefern. Das Amt trägt die Person und nicht umgekehrt. Sonst wedelt der Schwanz mit dem Hund.

Wie schätzen Sie die Stimmung unter jungen Protestanten ein?
Es gibt sicher einen Großteil, die diese Entwicklungen überhaupt nicht wahrnehmen. Sie sind evangelisch, weil ihre Eltern es auch sind. Und es ist inzwischen leider die Regel, dass ein Großteil der Jugendlichen aus dem aktiven Kontakt mit der Kirche hinauskonfirmiert wird. Die Institution EKD hat für junge Menschen so gut wie keine Relevanz. Aber es gibt auch eine neue Bewegung unter jungen Erwachsenen, die mit großer Sehnsucht auf der Suche nach gesellschaftlich relevantem Christsein ist. Menschen, die eine lebendige und persönliche Beziehung zu Jesus Christus suchen und die Welt gestalten wollen. Wo sich persönlicher Glaube auf einem klaren biblischen Fundament mit konkretem gesellschaftlichen Engagement verbindet, wirkt Christsein immer ansteckend und bringt Menschen in ihre Kraft.

Wechseljahre einer Gruppe

1 September 2010

Jede Gruppe, jede Gemeinde, jede dauerhafte Unternehmung durchläuft ihre Wechseljahre. Was braucht es, damit nach der Aufbau- und Findephase nicht nur die Erstarrung einsetzt? Über die Möglichkeit von Reformation und Veränderungsprozessen in Gemeinschaft und Gemeinde berichte ich in einer exemplarischen Rückschau auf die ökumenische Kommunität der OJC. Es ist ein Versuch über Gruppenbewegungen.

Salzkorn über Fundamente des Glauben

18 März 2010

Seit kurzem steht das erste Salzkorn in diesem Jahr online: „Fundamente” ist der Titel des Heftes. Es versucht einen konstruktiv-kritischen Zugang zum Thema Fundamentalismus und Fundamente des Glaubens und Lebens zu geben.

Neben dem Editorial kommt auch das Interview mit dem Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs aus meiner Feder. Wie lernen wir Ich zu sagen? Und wie lernen wir überhaupt?

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